Ein Bericht von der Mitgliederversammlung unseres Dachverbands CAN-E in Brüssel
Die Frühjahrsversammlung des Climate Action Network Europe (CAN-E) in Brüssel Ende April war keine Routineveranstaltung, denn zeitgleich steht die europäische Klimapolitik spürbar unter Druck: Energiepreise, Krieg, Industriepolitik, rechte Gegenmobilisierung und fossile Lobbyinteressen verschieben die Debatte. In Brüssel wurde deutlich: Gerade jetzt entscheidet sich, ob Europa die Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas wirklich überwindet — oder ob unter dem Decknamen „Versorgungssicherheit“ neue fossile Abhängigkeiten entstehen.
CAN Europe selbst beschreibt für 2026 mehrere zentrale Arbeitslinien: das Verteidigen europäischer Klimapolitik, die Ausgestaltung der Klima- und Energiearchitektur nach 2030, die EU-Finanzplanung, Energiepreise und Kriege sowie ausdrücklich die Klima- und Energiediplomatie auf dem Weg nach Santa Marta.
EU-Offizielle waren ebenfalls prominent vor Ort, sogar der EU-Klima-Kommissar Woepke Hoekstra hat sich den (kritischen) Fragen der Zivilgesellschaft gestellt und kam zu einer Paneldiskussion vorbei.
Fossiles Gas als Sicherheitsrisiko
Diskussionen gab es zu Hauf, vor allem über das europäische Gas Phase-out. Die Diskussion drehte sich nicht nur um Klimaschutz, sondern um eine strategische Frage: Wie lange will Europa seine Sicherheit noch an fossile Importketten koppeln?
Die Arbeitsgruppe zur fossilen Gasabhängigkeit stellte den Zusammenhang klar heraus: Fossile Abhängigkeit ist kein Stabilitätsanker, sondern ein Risiko. Neue LNG-Verträge, insbesondere mit den USA, können kurzfristig als Entlastung erscheinen, drohen aber langfristig neue Abhängigkeiten, hohe Methanemissionen und Investitionen in überflüssige Infrastruktur zu zementieren. Die Deutsche Umwelthilfe zeigte in ihrer Präsentation, dass Europa keine neuen LNG-Langfristverträge braucht und bereits erhebliche Import- und Vertragskapazitäten bestehen.
Parallel wurde die EU-Methanverordnung als Lackmustest behandelt. Sie ist eines der wenigen Instrumente, mit denen Europa auch die Emissionen importierter fossiler Energien adressieren kann. Genau deshalb steht sie unter Druck. Fossile Akteure und Industrieverbände versuchen, die Regulierung unter Verweis auf Versorgungssicherheit abzuschwächen. InfluenceMap etwa dokumentierte für 2021 bis 2026 insgesamt 276 Lobbying-Fälle zur EU-Methanverordnung, davon nur 27 unterstützend!
Gerechtigkeit als Voraussetzung, nicht als Zusatz
Die Versammlung machte deutlich: Ein fossiler Ausstieg ist politisch nur tragfähig, wenn er sozial gerecht gestaltet wird. Die Schwäche nationaler Energie- und Klimapläne: Viele enthalten unklare Finanzierungsstrategien, und gerechte Transformation wird in den Mitgliedstaaten sehr unterschiedlich gesehen. Wir sagen: Es braucht verlässliche Finanzierung, regionale Beteiligung und konkrete Unterstützung für besonders betroffene Menschen und Regionen.
Santa Marta: “Klimakonferenz der Willigen”
Vor diesem Hintergrund bekam die Klimakonferenz von Santa Marta besondere Bedeutung. Die von Kolumbien und den Niederlanden ausgerichtete erste internationale Konferenz zum Übergang weg von fossilen Energien fand Ende April (24.-29.4.2026) in Santa Marta, Kolumbien statt.
Sie versammelte mehr als 50 Staaten und sollte nationale Ausstiegsfahrpläne für Kohle, Öl und Gas voranbringen. (The Guardian)
Santa Marta ist übrigens kein Ersatz für die UN-Klimakonferenzen — aber ein wichtiges Signal an sie. Während die UN-Prozesse oft durch Konsenszwang und fossile Blockadeinteressen ausgebremst werden, formierte sich dort eine Art Koalition der Willigen: Staaten, die nicht länger nur über Klimaziele sprechen wollen, sondern über konkrete nationale Roadmaps für den Ausstieg aus fossilen Energien. Große Emittenten wie die USA, China und Saudi-Arabien fehlten allerdings; die politische Reichweite bleibt daher begrenzt.
Kollektive Hoffnung: Sicherheit, Gerechtigkeit, Demokratie
Die CAN-E-Frühjahrsvollversammlung und Santa Marta erzählen dieselbe Geschichte aus zwei Perspektiven: In Europa wird darum gerungen, ob Klimapolitik verteidigt, sozial abgesichert und fossilfrei weiterentwickelt wird. International entsteht zugleich ein neuer Raum für Staaten, die den fossilen Ausstieg praktisch vorbereiten wollen.
Die zentrale Botschaft lautet: Der Ausstieg aus fossilen Energien ist nicht mehr nur eine Klimafrage. Er ist eine Frage von Sicherheit, Gerechtigkeit, Demokratie und wirtschaftlicher Zukunftsfähigkeit. Genau hier liegt die strategische Bedeutung von CAN Europe: Das Netzwerk bündelt Fachwissen, hält politischen Druck aufrecht und verbindet europäische Gesetzgebung mit internationaler Ausstiegsdiplomatie. Santa Marta zeigt: Die Blockade ist real — aber sie ist nicht das Ende der Geschichte.
CAN-E beschrieb die Vollversammlung so: “Wir haben und versammelt, um kollektive Hoffnung für die Zukunft zu schaffen!”

